Montag, 23. März 2015
Kurze Notiz zu: Schkopau
annette riemer, 21:01h
„Das Bürgerhaus ist kein Aufenthaltsbereich für Schülerinnen und Schüler!“ Äußerst gendergerecht weist ein formloses Schreiben gleich an der Eingangstür des Bürgerhauses das ansässige Jungvolk ab. Die Botschaften dieses kurzen Satzes sind eindeutig:
Nummer eins: Schüler gelten nicht als Bürger, vielleicht weil sie – in Schkopau gibt es so etwas wie Gymnasien und damit Schüler über 16 Jahre nicht – keine Wähler sind.
Nummer zwei: Schüler sollten generell kein Interesse an Lokalpolitik haben und beispielsweise eine öffentliche Gemeinderatssitzung besuchen wollen. Das könnte ihnen am Ende noch ihren Glauben an die menschliche Vernunft austreiben.
Nummer drei: Die Bibliothek der Gemeinde – auch im Bürgerhaus – soll den älteren Anwohnern vorbehalten bleiben, und das mit Erfolg: Tatsächlich könnten bei der Lesung eines Heimatautors in der Bibliothek alle Zuhörer am Eingang Seniorenrabatt bekommen haben.
Aber Schkopau ist ja so viel mehr als sein Bürgerhaus. Geografisch reicht es von der A 38 bis zur A 9 und von der B 6 bis zur B 181, historisch reicht es – zumindest mit Bedeutung – bis zum Beginn des Tagebaus und der chemischen Industrie in Mitteldeutschland zurück. In Schkopau wohnten die Ingenieure, sagt man hier und verweist auf die kleinen Villen, im und am nahen Leuna-Werk die Arbeiter. Heute ist Schkopau ein unscheinbarer Ort, zwischen Merseburg und Halle an der Saale gelegen, der neben dem eigentlichen Dorf elf dörfliche Gemeindeteile umfasst, alle mit ihren kleinen Eigenheiten: In Burgliebenau lässt es sich herrlich in einem ehemaligen Tagebaurestloch baden. In Ermlitz steht ein hübsches Rittergut. Naja, und voller Neid lässt es sich durch Korbetha beim Buna-Werk schlendern. Wegen der allgemeinen Verschmutzung und der Ausgleichszahlungen galt dieses Dorf lange Zeit als reichste Gemeinde im Land, manche sagen sogar: in der Republik. Echte Millionäre sollen hier leben. Im Plural. Ein bisschen davon (wirklich nur ein bisschen: die Ortsbibliothek etwa macht hier nur auf Anfrage auf) lässt sich erahnen: Man leistet sich einen komplett auf 30 km/h beschränkten Verkehr. Aber noch immer riecht die Luft recht süßlich und so drängt sich die Frage auf, ob eine Million, falls es sie wirklich dafür gibt, die im Garten chemisch belüftete Wäsche aufwiegt.
Doch zurück zum Kern der Gemeinde, zu Schkopau selbst: Es ist arm und auch gut dran. Arm, weil es genau zwischen zwei Tarifzonen des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes liegt. Egal, ob jemand von Schkopau nach Halle oder nach Merseburg will, er zahlt also immer für zwei Zonen. Reich, weil hier ein imposantes Schloss steht und dann noch – was sehr selten vorkommt in diesen Breiten – ein restauriertes. Und es wird freier Zutritt gewährt, als wäre der ehemalige Adelssitz, der aktuelle Privatbesitz ein öffentliches Bürgerhaus. Auch für Schülerinnen und Schüler.
Nummer eins: Schüler gelten nicht als Bürger, vielleicht weil sie – in Schkopau gibt es so etwas wie Gymnasien und damit Schüler über 16 Jahre nicht – keine Wähler sind.
Nummer zwei: Schüler sollten generell kein Interesse an Lokalpolitik haben und beispielsweise eine öffentliche Gemeinderatssitzung besuchen wollen. Das könnte ihnen am Ende noch ihren Glauben an die menschliche Vernunft austreiben.
Nummer drei: Die Bibliothek der Gemeinde – auch im Bürgerhaus – soll den älteren Anwohnern vorbehalten bleiben, und das mit Erfolg: Tatsächlich könnten bei der Lesung eines Heimatautors in der Bibliothek alle Zuhörer am Eingang Seniorenrabatt bekommen haben.
Aber Schkopau ist ja so viel mehr als sein Bürgerhaus. Geografisch reicht es von der A 38 bis zur A 9 und von der B 6 bis zur B 181, historisch reicht es – zumindest mit Bedeutung – bis zum Beginn des Tagebaus und der chemischen Industrie in Mitteldeutschland zurück. In Schkopau wohnten die Ingenieure, sagt man hier und verweist auf die kleinen Villen, im und am nahen Leuna-Werk die Arbeiter. Heute ist Schkopau ein unscheinbarer Ort, zwischen Merseburg und Halle an der Saale gelegen, der neben dem eigentlichen Dorf elf dörfliche Gemeindeteile umfasst, alle mit ihren kleinen Eigenheiten: In Burgliebenau lässt es sich herrlich in einem ehemaligen Tagebaurestloch baden. In Ermlitz steht ein hübsches Rittergut. Naja, und voller Neid lässt es sich durch Korbetha beim Buna-Werk schlendern. Wegen der allgemeinen Verschmutzung und der Ausgleichszahlungen galt dieses Dorf lange Zeit als reichste Gemeinde im Land, manche sagen sogar: in der Republik. Echte Millionäre sollen hier leben. Im Plural. Ein bisschen davon (wirklich nur ein bisschen: die Ortsbibliothek etwa macht hier nur auf Anfrage auf) lässt sich erahnen: Man leistet sich einen komplett auf 30 km/h beschränkten Verkehr. Aber noch immer riecht die Luft recht süßlich und so drängt sich die Frage auf, ob eine Million, falls es sie wirklich dafür gibt, die im Garten chemisch belüftete Wäsche aufwiegt.
Doch zurück zum Kern der Gemeinde, zu Schkopau selbst: Es ist arm und auch gut dran. Arm, weil es genau zwischen zwei Tarifzonen des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes liegt. Egal, ob jemand von Schkopau nach Halle oder nach Merseburg will, er zahlt also immer für zwei Zonen. Reich, weil hier ein imposantes Schloss steht und dann noch – was sehr selten vorkommt in diesen Breiten – ein restauriertes. Und es wird freier Zutritt gewährt, als wäre der ehemalige Adelssitz, der aktuelle Privatbesitz ein öffentliches Bürgerhaus. Auch für Schülerinnen und Schüler.
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Mittwoch, 18. März 2015
Kurze Notiz zu: Stolberg
annette riemer, 15:53h
Durch Stolberg, dem flächenmäßig größten und einzigen namhaften Ortsteil der Gemeinde Südharz im Landkreis Mansfeld-Südharz mit der Gemeindeverwaltung und dem der Staatsanwaltschaft Halle gut bekannten Bürgermeister (Mitarbeiterbespitzelung, mögliche Vorteilsnahme – das Übliche eben) im ebenso nahen wie unbedeutenden Roßla (schleunigst weiterfahren!), durch dieses Stolberg also ist schnell gegangen. Zwei verwinkelte Straßenzüge von überschaubarer Länge schlängeln sich zwischen den Harzbergen hindurch; wo sie sich kreuzen, steht das Rathaus, der Saigerturm und eine gotische Kirche. Drum herum Hotels, Gasthäuser und der Bäcker, weiter in Richtung Ortsausgang die Bibliothek (nur dienstags für drei Stunden offen) und der Fabrikverkauf der FRIWI-Kekse.
Diese Kekse und Thomas Münzer haben Stolberg einst bekannt gemacht. Heute ist der berühmteste Sohn des Dorfes eine in Metall gegossene Touristenattraktion und das Dorf selbst nur noch ein gewöhnlicher, traditionsreicher Luftkurort, das heißt, man genießt hier den Aufenthalt am besten außerhalb des Dorfes, wandert durch die grünen Berge, seufzt romantisch zu manchem Blick ins Tal, und kommt erst mit Einbruch der Dämmerung völlig ausgelatscht nach Stolberg zurück. Dann liegt der Ort erst malerisch in der Abendsonne, dann erlöst das Dunkel der Nacht vom Anblick des ewig gleichen Fachwerks. Dann wird beim Italiener deutsche Küche bestellt, in der Hotelbar ein letztes Bier gezischt und dann unter irgendeiner Dachschräge zum Hauptspielfilm in irgendeinem dritten Programm eingedöst. Die Herztabletten nicht vergessen! Und das Insulin! Und den Revolver! Hier werden pünktlich zur Tagesschau die Bürgersteige hochgeklappt.
Anders als mit der Jugend im Ort sieht es mit der Atmosphäre aus. Die ist tatsächlich da. Im Restaurant: Da isst das Gestern. Auf den Straßen, zwischen all den niedlichen Fachwerkhäusern: Da läuft das Gestern. Auf dem Schloss der ollen Grafen von Stolberg und Stolberg-Stolberg, weit über der Stadt: Da staunt das Gestern über das Vorgestern. Bergbau, Bauernkrieg, Ritterfehde. Eine Statue erinnert an die Gräfin Juliana, die Stammmutter des fernen niederländischen Königshauses. Die Arme wurde trotz Pest und 17 Kindern rekordverdächtige 74 Jahre alt und doch nur als kleines Mädchen in Bronze gegossen (Sparmaßnahme?). Der Blick vom Schloss auf die Ortschaft hinab stimmt nicht besser. Zwar liegen deren Häuser wie so oft in Nebelschwaden gehüllt, doch lassen sich trotzdem ihre Beschränktheit, ihre Abgeschiedenheit, die einstige – nicht nur materielle – Armut ihrer Bewohner ganz gut erahnen. Ein Seufzer, der jetzt nicht mehr romantisch begründet ist. Hier klappert keine Mühle am Bach, klipp-klapp. Hier ist es ganz still.
Nur Nordic-Walking-Stöcke knirschen im Kies.
Diese Kekse und Thomas Münzer haben Stolberg einst bekannt gemacht. Heute ist der berühmteste Sohn des Dorfes eine in Metall gegossene Touristenattraktion und das Dorf selbst nur noch ein gewöhnlicher, traditionsreicher Luftkurort, das heißt, man genießt hier den Aufenthalt am besten außerhalb des Dorfes, wandert durch die grünen Berge, seufzt romantisch zu manchem Blick ins Tal, und kommt erst mit Einbruch der Dämmerung völlig ausgelatscht nach Stolberg zurück. Dann liegt der Ort erst malerisch in der Abendsonne, dann erlöst das Dunkel der Nacht vom Anblick des ewig gleichen Fachwerks. Dann wird beim Italiener deutsche Küche bestellt, in der Hotelbar ein letztes Bier gezischt und dann unter irgendeiner Dachschräge zum Hauptspielfilm in irgendeinem dritten Programm eingedöst. Die Herztabletten nicht vergessen! Und das Insulin! Und den Revolver! Hier werden pünktlich zur Tagesschau die Bürgersteige hochgeklappt.
Anders als mit der Jugend im Ort sieht es mit der Atmosphäre aus. Die ist tatsächlich da. Im Restaurant: Da isst das Gestern. Auf den Straßen, zwischen all den niedlichen Fachwerkhäusern: Da läuft das Gestern. Auf dem Schloss der ollen Grafen von Stolberg und Stolberg-Stolberg, weit über der Stadt: Da staunt das Gestern über das Vorgestern. Bergbau, Bauernkrieg, Ritterfehde. Eine Statue erinnert an die Gräfin Juliana, die Stammmutter des fernen niederländischen Königshauses. Die Arme wurde trotz Pest und 17 Kindern rekordverdächtige 74 Jahre alt und doch nur als kleines Mädchen in Bronze gegossen (Sparmaßnahme?). Der Blick vom Schloss auf die Ortschaft hinab stimmt nicht besser. Zwar liegen deren Häuser wie so oft in Nebelschwaden gehüllt, doch lassen sich trotzdem ihre Beschränktheit, ihre Abgeschiedenheit, die einstige – nicht nur materielle – Armut ihrer Bewohner ganz gut erahnen. Ein Seufzer, der jetzt nicht mehr romantisch begründet ist. Hier klappert keine Mühle am Bach, klipp-klapp. Hier ist es ganz still.
Nur Nordic-Walking-Stöcke knirschen im Kies.
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Mittwoch, 11. März 2015
Anhalt an der Krim
annette riemer, 11:14h
Die Problematik klingt denkbar zeitgenössisch: Fachkräftemangel. Nachdem das russische Zarenreich 1792 um das Khanat der Krimtataren und 1812 um das benachbarte Bessarabien (größtenteils das Gebiet des heutigen Moldawiens) erweitert worden war, plante vor allem Zar Nikolaus I. (1796–1855) eine wirtschaftliche Belebung der nun russischen Ukraine. Allerdings bestand diese Gegend nur im Westen und auf der Krim-Halbinsel aus fruchtbaren Böden, der Rest des Landes aber war trockene Steppe. Ein Land, das höchstens zur Viehzucht taugt und, wenn überhaupt, dann von Fachkräften bewirtschaftet werden müsste – Fachkräften, über die der Zar nicht verfügte. Also warb er um professionelle Viehzüchter aus Sachsen.
Im Dresdener Kurfürstentum stießen die Offerten des Russen jedoch auf keine große Resonanz. Umso mehr konnte sich Herzog Ferdinand Friedrich von Anhalt-Köthen (1769–1830) für das Unterfangen begeistern: Gerade im zu Köthen gehörenden Nienburg war die Schafzucht weit gediehen, allerdings mangelte es dem kleinen Herzogtum an ausreichend Weidefläche. Entsprechend interessant erschien Ferdinand Friedrich die Aussicht auf eine Kolonie nahe der Krim. Bis 1828 zogen sich die Verhandlungen hin, dann aber wurde Anhalt-Köthen eine Fläche von mehr als 48.000 Hektar Land in der heutigen Ukraine vertraglich zugesprochen. Im Gegenzug verpflichtete sich der Köthener, im Verlauf der nächsten zehn Jahre einhundert Siedler und 20.000 Schafe nach Südrussland zu bringen. Zwar sollte die nun Köthener Steppe zunächst nur zum Teil der Schafzucht dienen, doch das rentable Geschäft mit der Wolle und vor allem der unerwartet trockene Boden beförderten bald eine zunehmende Konzentration auf die Haltung von Schafen.
Die anhaltinische Kolonie, etwa hundert Kilometer nördlich der Krim gelegen, erhielt den Namen Askania-Nowa. Neben dem gleichnamigen Dorf befanden sich in ihr zehn Vorwerke, die unerlässlich für die logistische Durchführung der Schafhaltung waren und durchweg nach verschiedenen Mitgliedern des Köthener Herzoghaus benannt wurden. Mit zwei Ausnahmen: Östlich von Askania-Nowa lagen die Vorwerke Dornburg und Nienburg. Namensgebend waren hierbei die beiden Städte an Saale und Elbe, die sich zum damaligen Zeitpunkt in Köthener Besitz befanden. Gerade aus Nienburg (Saale) kamen viele der Schafe – mühselig durch ein den Köthener Kolonisten kaum bekanntes polnisch-russisches Territorium geführt, die fortan in Nienburg (Steppe) große Herden begründen sollten.
In der Blütezeit von Askania-Nowa lebten etwa 240 Siedler in der Kolonie. Die Mehrheit von ihnen verdingte sich als Schäfer, aber auch Tischler und Zimmerleute, Schuh- und Tuchmacher, Schmiede, Schneider und Sattler wirkten in dem Dorf und seinen Vorwerken. Auch ein Gasthof, ein Kolonialwarenladen, eine Schule sowie eine kleine Apotheke befanden sich in Askania-Nowa.
Doch die Kolonie entwickelte sich nie zu dem erhofften wirtschaftlichen Vorzeigeunternehmen. Rein baulich wirkten besonders die Vorwerke schäbig. In dem Hauptdorf selbst legte der Herzog noch Wert auf eine repräsentative Architektur. Der Holzmangel in der Steppe führte jedoch dazu, dass Nienburg und die übrigen Vorwerke größtenteils aus den Planken günstig aufgekaufter, abgewrackter Schiffe errichtet wurden. Akuter Wassermangel, das dornige, die Schafe oft tödlich verletzende Steppengras und Heuschreckenplagen gefährdeten den Aufschwung nachhaltig. Als die Preise auf dem Wollmarkt fielen und Askania-Nowa im Zuge des Krimkrieges 1854 verwüstet wurde, zog Herzog Leopold IV. Friedrich (1794–1871) von Anhalt-Dessau, der die 1847 ausgestorbene Köthener Linie beerbt hatte, einen Schlussstrich: Für 525.000 Taler verkaufte er Askania-Nowa an einen deutsch-russischen Adligen. Bis dahin hatte Anhalt 1.166.715 Taler in seine Kolonie investiert – und nur 290.501 Taler Gewinn aus ihr erwirtschaftet. Ein finanziell geradezu desaströses koloniales Abenteuer der anhaltinischen Herzöge, an dem neben dem Köthener und Dessauer auch der Bernburger Hof zumindest indirekt durch die Nachlassregelungen zu Anhalt-Köthen beteiligt war. Askania-Nowa blieb das einzige Kolonisations-Projekt der Anhaltiner.
Im Dresdener Kurfürstentum stießen die Offerten des Russen jedoch auf keine große Resonanz. Umso mehr konnte sich Herzog Ferdinand Friedrich von Anhalt-Köthen (1769–1830) für das Unterfangen begeistern: Gerade im zu Köthen gehörenden Nienburg war die Schafzucht weit gediehen, allerdings mangelte es dem kleinen Herzogtum an ausreichend Weidefläche. Entsprechend interessant erschien Ferdinand Friedrich die Aussicht auf eine Kolonie nahe der Krim. Bis 1828 zogen sich die Verhandlungen hin, dann aber wurde Anhalt-Köthen eine Fläche von mehr als 48.000 Hektar Land in der heutigen Ukraine vertraglich zugesprochen. Im Gegenzug verpflichtete sich der Köthener, im Verlauf der nächsten zehn Jahre einhundert Siedler und 20.000 Schafe nach Südrussland zu bringen. Zwar sollte die nun Köthener Steppe zunächst nur zum Teil der Schafzucht dienen, doch das rentable Geschäft mit der Wolle und vor allem der unerwartet trockene Boden beförderten bald eine zunehmende Konzentration auf die Haltung von Schafen.
Die anhaltinische Kolonie, etwa hundert Kilometer nördlich der Krim gelegen, erhielt den Namen Askania-Nowa. Neben dem gleichnamigen Dorf befanden sich in ihr zehn Vorwerke, die unerlässlich für die logistische Durchführung der Schafhaltung waren und durchweg nach verschiedenen Mitgliedern des Köthener Herzoghaus benannt wurden. Mit zwei Ausnahmen: Östlich von Askania-Nowa lagen die Vorwerke Dornburg und Nienburg. Namensgebend waren hierbei die beiden Städte an Saale und Elbe, die sich zum damaligen Zeitpunkt in Köthener Besitz befanden. Gerade aus Nienburg (Saale) kamen viele der Schafe – mühselig durch ein den Köthener Kolonisten kaum bekanntes polnisch-russisches Territorium geführt, die fortan in Nienburg (Steppe) große Herden begründen sollten.
In der Blütezeit von Askania-Nowa lebten etwa 240 Siedler in der Kolonie. Die Mehrheit von ihnen verdingte sich als Schäfer, aber auch Tischler und Zimmerleute, Schuh- und Tuchmacher, Schmiede, Schneider und Sattler wirkten in dem Dorf und seinen Vorwerken. Auch ein Gasthof, ein Kolonialwarenladen, eine Schule sowie eine kleine Apotheke befanden sich in Askania-Nowa.
Doch die Kolonie entwickelte sich nie zu dem erhofften wirtschaftlichen Vorzeigeunternehmen. Rein baulich wirkten besonders die Vorwerke schäbig. In dem Hauptdorf selbst legte der Herzog noch Wert auf eine repräsentative Architektur. Der Holzmangel in der Steppe führte jedoch dazu, dass Nienburg und die übrigen Vorwerke größtenteils aus den Planken günstig aufgekaufter, abgewrackter Schiffe errichtet wurden. Akuter Wassermangel, das dornige, die Schafe oft tödlich verletzende Steppengras und Heuschreckenplagen gefährdeten den Aufschwung nachhaltig. Als die Preise auf dem Wollmarkt fielen und Askania-Nowa im Zuge des Krimkrieges 1854 verwüstet wurde, zog Herzog Leopold IV. Friedrich (1794–1871) von Anhalt-Dessau, der die 1847 ausgestorbene Köthener Linie beerbt hatte, einen Schlussstrich: Für 525.000 Taler verkaufte er Askania-Nowa an einen deutsch-russischen Adligen. Bis dahin hatte Anhalt 1.166.715 Taler in seine Kolonie investiert – und nur 290.501 Taler Gewinn aus ihr erwirtschaftet. Ein finanziell geradezu desaströses koloniales Abenteuer der anhaltinischen Herzöge, an dem neben dem Köthener und Dessauer auch der Bernburger Hof zumindest indirekt durch die Nachlassregelungen zu Anhalt-Köthen beteiligt war. Askania-Nowa blieb das einzige Kolonisations-Projekt der Anhaltiner.
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Montag, 9. März 2015
Kurze Notiz zu: Bernburg
annette riemer, 20:39h
Bernburg ist schon zu bedauern. Als Kreisstadt des Salzlandkreises liegt es recht verloren in dieser herzlosen Mitte Sachsen-Anhalts, irgendwo zwischen Halle und Magdeburg. Im Kreis selbst konkurriert Schönebeck gleichauf mit Bernburg, Aschersleben und Staßfurt liegen nicht weit hinter der Kreisstadt. Und regional dominiert Dessau das alte Anhalt, das im vergangenen Jahr sein 800-jähriges Bestehen feierte. In diesem Jahr begeht Dessau den 800. Jahrestag seiner Gründung, während an der Saale das umfangreiche Schloss der in geistiger Umnachtung untergegangenen Anhalt-Bernburger noch immer in Bauplanen gehüllt ist.
Zu allem Überfluss wurde vor drei Jahren durch die Eingemeindung von sieben Dörfern aus dem Umland der Stadtcharakter und die Identität Bernburgs verwaschen – aber immerhin firmiert die neunt-größte Stadt im Land (immerhin 34.000 Einwohner) weiterhin unter ihrem Namen, was schon einiges bedeutet angesichts solcher skurrilen Gebilde wie Wettin-Löbejün, Oranienbaum-Wörlitz oder Dessau-Roßlau. Ein kleiner Triumph.
In Bernburgs Innenstadt selbst darf der Besucher nur eine Stunde parken, was einer ebenso klaren wie falschen Selbstbescheidung gleichkommt. Als ob diese kurze Zeit ausreichen würde, um all die aufgerissenen Straßen, das halbsanierte oder halbverfallene Schloss und die traurigen Blicke des kleinen Bären am Burggraben zu bestaunen!
Und nebenbei hat Bernburg noch wesentlich mehr zu bieten. Natürlich muss der Besucher nicht wie die Einheimischen zwischen Berg- und Talstadt, zwischen Alt- und Neustadt unterscheiden lernen, um sich heimisch zu fühlen: Er kann gelassen durch die von außen betrachtet gleich schön verträumten Viertel schlendern, auch wenn es in der „SonderBar“ am Markt keinen Kuchen gibt. Der Naturfreund kommt im Tierpark, dem äußersten Zipfel des Naturparks Unteres Saaletal, und natürlich überall an der Saale auf seine Kosten, der Geschichtsfreund in allen Gassen der Stadt – und im Schloss: Prinzen-Aura in allen drei Innenhöfen. Till Eulenspiegel sitzt noch heute im höchsten Turm des Schlosses, der mühselig über unterschiedlich steile Stufen erklommen werden muss. Die verehrte letzte Herzogin Friederike lässt sich wesentlich tiefer und daher einfacher in Öl bestaunen.
Wer es über Museumsbesuch und impressionistische Schlenderei hinaus etwas heftiger mag, ist in Bernburg falsch, denn hier gibt es nichts weiter. Die Stadt liegt eben im Niemandsland zwischen Halle und Magdeburg, in der Provinz der Provinz. Aber wenigstens liegt sie schön dort.
Zu allem Überfluss wurde vor drei Jahren durch die Eingemeindung von sieben Dörfern aus dem Umland der Stadtcharakter und die Identität Bernburgs verwaschen – aber immerhin firmiert die neunt-größte Stadt im Land (immerhin 34.000 Einwohner) weiterhin unter ihrem Namen, was schon einiges bedeutet angesichts solcher skurrilen Gebilde wie Wettin-Löbejün, Oranienbaum-Wörlitz oder Dessau-Roßlau. Ein kleiner Triumph.
In Bernburgs Innenstadt selbst darf der Besucher nur eine Stunde parken, was einer ebenso klaren wie falschen Selbstbescheidung gleichkommt. Als ob diese kurze Zeit ausreichen würde, um all die aufgerissenen Straßen, das halbsanierte oder halbverfallene Schloss und die traurigen Blicke des kleinen Bären am Burggraben zu bestaunen!
Und nebenbei hat Bernburg noch wesentlich mehr zu bieten. Natürlich muss der Besucher nicht wie die Einheimischen zwischen Berg- und Talstadt, zwischen Alt- und Neustadt unterscheiden lernen, um sich heimisch zu fühlen: Er kann gelassen durch die von außen betrachtet gleich schön verträumten Viertel schlendern, auch wenn es in der „SonderBar“ am Markt keinen Kuchen gibt. Der Naturfreund kommt im Tierpark, dem äußersten Zipfel des Naturparks Unteres Saaletal, und natürlich überall an der Saale auf seine Kosten, der Geschichtsfreund in allen Gassen der Stadt – und im Schloss: Prinzen-Aura in allen drei Innenhöfen. Till Eulenspiegel sitzt noch heute im höchsten Turm des Schlosses, der mühselig über unterschiedlich steile Stufen erklommen werden muss. Die verehrte letzte Herzogin Friederike lässt sich wesentlich tiefer und daher einfacher in Öl bestaunen.
Wer es über Museumsbesuch und impressionistische Schlenderei hinaus etwas heftiger mag, ist in Bernburg falsch, denn hier gibt es nichts weiter. Die Stadt liegt eben im Niemandsland zwischen Halle und Magdeburg, in der Provinz der Provinz. Aber wenigstens liegt sie schön dort.
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Kurze Notiz zu: Lutherstadt Eisleben
annette riemer, 20:38h
Die Stadt ist obenrum ein Soldatenfriedhof, die sowjetischen Sterne blinken rot auf jedem Grab, und untenrum ganz Lutherstadt. Und das mit Recht, mehr als die übrigen fünfzehn Lutherstädte Deutschlands. Denn nur in Eisleben steht des Reformators Geburtshaus, Taufkirche und Sterbehaus. Er selbst, in Bronze gegossen und Kutte gehüllt, residiert auf dem Marktplatz, schaut mahnend von hohem Sockel auf die Stadt herab, neben ihm das Kleiderparadies „Luther-Stübchen“, in dem übrigens – wohl ganz im protestantischen Sinne – auch Frauenmode angeboten wird.
Also alles Martin und seine Katharina hier? Nicht ganz, denn Eisleben hat noch mehr zu bieten, so etwa seine vorreformatorischen, feudalen Reste. Nicht nur das Hotel der Grafen zu Mansfeld verweist auf die einstigen Besitzverhältnisse, auch Wappen und Landkreis unterordnen die Stadt an der Bösen Sieben – ein Flüsschen, das gar nicht so böse daherkommen will – der nahen, alten Grafenresidenz, sodass Eisleben wohl völlig unbekannt wäre, wenn es nicht Luther gäbe … ja, und die Eislebener Wiesen natürlich! Eine Art mitteldeutsches Oktoberfest im September. Wie als Kontrast zu diesem doch ... nun ja ... etwas volkstümlichen Fest geht es in Eisleben ansonsten recht kulturell zu: Bis 2017 währt die selbstverordnete Luther-Dekade des Landes, die bereitgestellten Fördermittel wollen verbraucht werden (bevor Wittenberg, die zweite Lutherstadt im Land, zu viel davon für sich reklamiert oder Eisleben ab 2018 wieder in dem alltäglichen Nichts versinkt). Daneben finden die Landesliteraturtage in diesem Jahr im hiesigen Landkreis statt, Motto: „Tiefer schürfen“. Eine wehmütige Erinnerung an jene Tage, in denen der Bergbau hier noch florierte und Zehntausende Kumpels ihr ganzes Gewicht in die politische Waagschale warfen. Jaja, die Märzkämpfe – aber wer kennt sie noch? Tiefer schürfen! Eine Stadt auf der Suche nach Identität abseits ihres berühmtesten Sohnes.
Der schönste Ort Eislebens liegt in der oberen Sangerhäuser Straße, weit hinter dem Markt, fernab von Luther und Luther-Tourismus. Da stehen ein paar ehrliche Kneipen und gut erhaltenes Bauwerk, Ruhe garantiert. Der bizarrste Ort: auf der anderen Seite vom Markt, wo eine gewisse Lyly (wahrscheinlich denglisch für Lili) ihr Geschäft hat und die Stadt anfängt, unsaniert und arbeiterviertlich zu werden. Demgegenüber der neuste Ort: das im Zuge der Reformation aufgelöste Kloster Helfta mit seiner Handvoll Zisterzienserinnen, die dort seit der Wende wieder ihr katholisches Unwesen treiben. Alles Übrige: vergessenswürdig. Müsste es jetzt heißen: leider? Unbeantwortbar.
Also alles Martin und seine Katharina hier? Nicht ganz, denn Eisleben hat noch mehr zu bieten, so etwa seine vorreformatorischen, feudalen Reste. Nicht nur das Hotel der Grafen zu Mansfeld verweist auf die einstigen Besitzverhältnisse, auch Wappen und Landkreis unterordnen die Stadt an der Bösen Sieben – ein Flüsschen, das gar nicht so böse daherkommen will – der nahen, alten Grafenresidenz, sodass Eisleben wohl völlig unbekannt wäre, wenn es nicht Luther gäbe … ja, und die Eislebener Wiesen natürlich! Eine Art mitteldeutsches Oktoberfest im September. Wie als Kontrast zu diesem doch ... nun ja ... etwas volkstümlichen Fest geht es in Eisleben ansonsten recht kulturell zu: Bis 2017 währt die selbstverordnete Luther-Dekade des Landes, die bereitgestellten Fördermittel wollen verbraucht werden (bevor Wittenberg, die zweite Lutherstadt im Land, zu viel davon für sich reklamiert oder Eisleben ab 2018 wieder in dem alltäglichen Nichts versinkt). Daneben finden die Landesliteraturtage in diesem Jahr im hiesigen Landkreis statt, Motto: „Tiefer schürfen“. Eine wehmütige Erinnerung an jene Tage, in denen der Bergbau hier noch florierte und Zehntausende Kumpels ihr ganzes Gewicht in die politische Waagschale warfen. Jaja, die Märzkämpfe – aber wer kennt sie noch? Tiefer schürfen! Eine Stadt auf der Suche nach Identität abseits ihres berühmtesten Sohnes.
Der schönste Ort Eislebens liegt in der oberen Sangerhäuser Straße, weit hinter dem Markt, fernab von Luther und Luther-Tourismus. Da stehen ein paar ehrliche Kneipen und gut erhaltenes Bauwerk, Ruhe garantiert. Der bizarrste Ort: auf der anderen Seite vom Markt, wo eine gewisse Lyly (wahrscheinlich denglisch für Lili) ihr Geschäft hat und die Stadt anfängt, unsaniert und arbeiterviertlich zu werden. Demgegenüber der neuste Ort: das im Zuge der Reformation aufgelöste Kloster Helfta mit seiner Handvoll Zisterzienserinnen, die dort seit der Wende wieder ihr katholisches Unwesen treiben. Alles Übrige: vergessenswürdig. Müsste es jetzt heißen: leider? Unbeantwortbar.
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